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Igra – Formenspiel: Die Scherenschnitte von Natalia Alf

Natalia Alfs Scherenschnitte markieren einen eigenständigen Zweig ihres Werks, der sich deutlich von ihrer Malerei absetzt. Im Unterschied zu ihrer Landschaftsmalerei, die sich auf das flüchtige und unscharfe Erinnerungsbild konzentriert, rücken die Scherenschnitte das Konkrete in den Vordergrund. Jede Linie, jeder Schnitt ist präzise gesetzt – und doch entsteht die Form intuitiv, in einem unmittelbaren Dialog mit dem Material.

Sie sind aus einer doppelten formalen Spur hervorgegangen: zum einen aus der Auseinandersetzung mit Gefäßformen in ihrer Abschlussarbeit, zum anderen aus Studien russischer Architekturornamente, insbesondere der durchbrochenen Muster traditioneller Holzfensterläden.

In den geometrischen Arbeiten werden die ausgeschnittenen Formen einzeln auf Leinwände gesetzt, gespiegelt, rotiert oder durch Sprühschablonen in Negativform übertragen. Der bildnerische Fokus liegt auf Struktur, Verhältnis, Rhythmus: Wie verhalten sich Fläche und Aussparung zueinander? Wie lässt sich Volumen andeuten – durch Wiederholung, Umkehrung, durch Farbe, Richtung, Abstand?

Ihre Scherenschnitte stehen damit in einer erweiterten Tradition osteuropäischer Papierschnittkunst, wie sie in russischen, ukrainischen oder belarussischen Volkskünsten seit dem 19. Jahrhundert gepflegt wurde. Insbesondere die symmetrischen Schnitttechniken, die farbige Gestaltung und das Spiel mit Positiv- und Negativform erinnern an Formen der vytinanka oder an die ornamentalen Durchbruchmuster traditioneller russischer Holzarchitektur – etwa in den geschnitzten Fensterrahmen ländlicher Häuser. Alf greift diese kulturellen Spuren nicht illustrativ auf, sondern integriert deren strukturelle Prinzipien in eine eigenständige, zeitgenössische Bildsprache.

 

 In ihrer freien, geschnittenen Formensprache stehen diese Arbeiten in einer Linie mit den späten Papierschnitten von Henri Matisse. Auch bei Alf entsteht die Form unmittelbar im Schnitt – ohne Vorzeichnung, ohne Wiederholung, allein aus dem Dialog mit Material, Fläche und Farbe. Doch während Matisse mit ornamentaler Flächigkeit arbeitete, entwickelt Alf aus jeder einzelnen Form ein autonomes Bildmoment: asymmetrisch, offen, oft spannungsvoll gebrochen. Ihre Schnitte sind keine Muster, sondern Setzungen. Nicht das Dekorative, sondern das Formprinzip steht im Zentrum: Wie verhält sich Positiv zu Negativ, Fläche zu Raum, Rhythmus zu Gliederung? In dieser Konzentration auf das bildnerische Vokabular liegt eine stille Radikalität – verwandt mit Matisse, aber in eigener Sprache.

 

In ihren figürlichen Arbeiten montiert Alf ausgeschnittene, ursprünglich abstrakte Papierformen zu vertikal angelegten Kompositionen. Durch die Anordnung entstehen Körper: ein Oberteil, ein Hut, eine Hose – lesbar, aber nicht dargestellt. Die Figuren wirken wie Typen: reduziert, flächig, klar gegliedert. Ihre Erscheinung erinnert an Märchenfiguren, Kinderspielzeug, Volkskunst – nicht als Zitat, sondern als formale Möglichkeit.

Diese Bildkörper entstehen nicht aus zeichnerischer Planung, sondern aus struktureller Setzung. Wie bei den Künstlern des Blauen Reiters geht es Alf um eine vorakademische Bildsprache: jenseits von Mimesis, jenseits von Narration. Die Nähe zu kindlicher Direktheit ist nicht illustrativ, sondern konzeptionell. Die Figuren bezeichnen nichts – sie bestehen. In ihrer formalen Konzentration liegt jene stille Notwendigkeit, die Kandinsky als Ursprung des Bildes verstand.

 

Alfs Scherenschnitte verbinden zwei künstlerische Haltungen, die sich scheinbar widersprechen: die der Formanalyse und die des freien Spiels. Ihre Arbeit ist durchdrungen von einer klaren Entscheidung für das Material, für den Schnitt, für die Fläche – und gleichzeitig von einer Offenheit gegenüber dem, was daraus werden kann. Sie sind kein dekoratives Projekt, sondern visuelle Forschung. Die bewusste Nähe zu antiakademischen Bildtraditionen – Volkskunst, Bauernmalerei, kindlich-intuitives Gestalten – ist nicht Zitat, sondern Haltung. Wie einst die Künstler des Blauen Reiters sucht Alf nach einer Sprache jenseits der Überformung, jenseits des Theoretischen. Was sie findet, sind Bilder, die nicht leichtfertig sind und trotzdem spielen.

Zitat

„Beim Schneiden denke ich nicht, ich schaue nicht nach Vorbildern. Das Papier führt mich. Jeder Schnitt ist eine Entscheidung, die aus der Bewegung entsteht. Es geht mir um die Leichtigkeit und Klarheit einer Form – wie ein Bauplan, der erst beim Arrangieren zum Leben kommt.“
– Natalia Alf

 

„Ich schneide Form, nicht Linie.“
Ein Blatt, eine Farbe, ein Falz – dann der Schnitt. Ich plane nicht vor; die Form entscheidet sich im Moment. Intuition ersetzt Zeichnung. Indem ich wegnehme, taucht etwas auf.

Architektur ist für mich ein Formarchiv. Ornamente historischer Fensterläden, Konstruktionen verschiedener Epochen – ich zerlege, kombiniere, baue neu. Viele meiner Figuren entstehen aus solchen Fragmenten.

Die ausgeschnittene Figur und ihr Leerraum gehören zusammen: Ich klebe die Positivform – oder sprühe durch die Negativform. Volumen entsteht in der Fläche.

Wenn mehrere Formen auf großen Papierbahnen zusammentreffen, lese ich sie wie Zeichen – manchmal wird daraus ein Körper. Dann beginnt das Spiel.

                      Vivien Rathjen Kunsthistorikerin M.A

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